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Darf man Gott anklagen und beschimpfen ???
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Golf_Variant



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Anmeldedatum: 03.07.2006
Beiträge: 4211
Wohnort: Niedersachsen.
BeitragVerfasst am: So Nov 22, 2009 2:47 pm Antworten mit Zitat

Darf man Gott anklagen und beschimpfen ???

Pladöyer für eine vergessene Gebetsform.

„Aber man soll ja nicht klagen“, sagt mir die alte alleinstehende Frau, die jeden Nachmittag in ihrem kleinen Wohnzimmer gegen die Einsamkeit kämpft. Eine andere alte Frau erzählt mir ausführlich von dem grausamen Krebstod ihres Sohnes. Am Ende blickt sie auf das Gespräch zurück und sagt: „Ach, jetzt habe ich Ihnen so viel vorgejammert - eigentlich habe ich ja keinen Grund zum Klagen.“ War der grausame Tod des Sohnes nicht Grund genug? Das Klagen hat offensichtlich ein schlechtes Image. Schnell wird es mit „Gejammer“, „Lamentieren“ oder „Quengeln“ assoziiert. Und das „soll“ man ja nicht. Außerdem besteht die Gefahr, anderen lästig zu werden, wenn man klagt. Also hat man lieber „keinen Grund zum Klagen“.
Das ist in der Kirche nicht anders. Auch Gott gegenüber wird nicht geklagt, er wird vertrauensvoll gebeten. Und angeklagt wird Gott schon gar nicht. Die Anklage kommt in unseren Gottesdiensten eigentlich nur in der Form der Selbstanklage beim Sündenbekenntnis vor. Die Anklage Gottes ist aus der Kirche ausgewandert - zu Dichtern zum Beispiel, die darin einen angemessenen Ausdruck für ihre Erlebnisse gefunden haben: „Kopf ab zum Gebet!/ Herrgott! Wir alten vermoderten Knochen/ sind aus den Kalkgräbern noch einmal hervorgekrochen./ Wir treten zum Beten vor dich und bleiben nicht stumm./ Und fragen dich Gott: Warum?“ – so Kurt Tucholsky.

Das war nicht immer so: Das alte jüdische Gesangbuch, der Psalter, enthält viele Klagepsalmen, darunter auch einige mit scharfen Vorwürfen gegen Gott: „Konfliktgespräche mit Gott“ nennt sie der katholische Theologe Ottmar Fuchs. Die BeterInnen bringen ihre gegenwärtige Not nicht mehr überein mit dem, was sie von Gott gelernt oder wie sie ihn früher erfahren haben. Die Not, die sie erleben, wird für diese Menschen zu einer Krise ihrer Gottesbeziehung – und das sagen sie deutlich: „Wie lange willst Du mich so ganz vergessen? Wie lange verbirgst du dein Gesicht vor mir?“ (Ps.13,2); „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ (Ps.22,2); „Warum verstößt Du uns für immer und bist so zornig über die Schafe Deiner Weide?“ (Ps.74,1). Die alte Frage nach dem Warum des Leides wird an Gott gerichtet, denn er selbst, sein Zorn wird für das Leid verantwortlich gemacht: „Du hast mich hinunter in die Grube gelegt, in die Finsternis und in die Tiefe. Dein Grimm drückt mich nieder, du bedrängst mich mit allen deinen Fluten.“ (Ps.88,7+Cool. Diesen Zorn Gottes halten die Betenden für ungerechtfertigt und viel zu exzessiv. „Dies alles ist über uns gekommen, und wir haben doch dich nicht vegessen, an deinem Bund nicht untreu gehandelt.“ (Ps. 44,1Cool. Während andere Traditionsstränge im Alten Testament den Grund für Gottes Zorn in der Sünde der Menschen sehen, dreht Psalm 89 den Spieß um: nicht die Menschen, sondern Gott hat den Bund gebrochen: „Aber nun hast Du verstoßen und verworfen und zürnst mit deinem Gesalbten. Du hast zerbrochen den Bund mit deinem Knecht.“ (Ps.89,39+40). Solche Anklagen finden sich im „offiziellen“ Gebetbuch des Bibel – und sind in Gottesdiensten vielfach wiederholt worden!

Die scharfen Klagen bedeuten allerdings nicht die Abkehr von Gott. Der Konflikt wird ausgetragen und Gott wird zum Eingreifen gedrängt. Seine erneute Zuwendung und Parteinahme sind das Ziel der Klagegebete.

Erstaunlicherweise finden sich neben den scharfen Worten der Anklage in den Klagepsalmen immer auch andere Töne: Töne des Lobes, des Vertrauens und des Dankes. Wie passt das zusammen in ein und demselben Gebet? Verzweiflung und Vertrauen? Lob und Anklage? Das Lob Gottes berichtet, wie Gott in der Vergangenheit erfahren wurde: Ein Kontrast dazu, wie er nun erlebt wird. In Psalm 80, einem Volksklagelied, wird das Verhältnis Gottes zu Israel im Bild des Weingärtners und seines Weingartens beschrieben. Lobend wird daran erinnert, wie Gott Israel aus der Sklaverei in die Freiheit geführt hat. Nun aber herrscht Krieg: „Warum hast Du die Mauern des Weinbergs eingerissen, so dass jeder der vorübergeht, ihn aberntet?“ (Ps.80,13). Das, was nun passiert, das passt nicht zu dem Gott der Freiheit, der sich einst so sorgsam um sein Volk gekümmert hat: „Ich sprach: Darunter leide ich, dass die rechte Hand des Höchsten sich so ändern kann.“ (Ps.77,11).

Aus dieser Erinnerung schöpfen die Betenden Vertrauen: Es kann für sie nicht anders sein, als dass Gott sich wieder so erweisen wird, wie er im Lob besungen wird: Die Betenden vertrauen auf Gott, wie sie ihn erinnern gegen Gott, wie sie ihn gegenwärtig erfahren. Sie beten mit Gott gegen Gott. Wie Eheleute in der Krise sich vielleicht an die erste Liebe erinnern und hoffen, es möge wieder so werden wie damals.

In manchen Klagepsalmen gibt es sogar einen deutlichen Stimmungsumschwung von der Klage und Verzweiflung zum getrosten Vertrauen auf Hilfe und zum Lob über Gottes Eingreifen. Viele Bibelforscher erklären dazu, dass die Psalmen nicht im stillen Kämmerlein gebetet wurden, sondern in Anwesenheit von Priestern bei einer Art Familienkult. Die Priester konnten dann auf ein Klagegebet ein Heilsorakel sprechen, in dem sie dem Klagenden Gottes Erhörung und Hilfe zusprachen. Das war der Grund zum Loben. Andere Forscher gehen davon aus, dass die Psalmen – quasi idealtypisch – einen längeren Klageprozess darstellen, in dem ein Betender von der Klage über die Abwesenheit Gottes zu der Gewissheit seiner Nähe gelangt. Beide Erklärungen haben etwas für sich und müssen sich nicht ausschließen. Auch wenn ein Heilsorakel die Klagen beantwortet, so bleibt der Prozess, den die BeterInnen durchlaufen, entscheidend. Ein Heilsorakel „wirkt“ nur bei dem, der glaubt, was es zusagt: Die Zugewandtheit Gottes im Leid – gegen den Augenschein.

Der Prozess ist entscheidend: Auch wenn am Ende das Lob steht, so wird dadurch die vorangehende Klage nicht etwa zurückgenommen. Das Erleben der Abwesenheit Gottes wird ernstgenommen, ausgesprochen und anerkannt. Es gibt eine Gottesfinsternis, in der Menschen denken: Gott hat mich vergessen. Es gibt unerklärliches Leid. Da wird den Leidenden nicht mit Erklärungen über den Sinn des Leidens geholfen, sondern dadurch, dass sie sagen dürfen, wie es um sie steht, und andere – die Familie, die Gemeinde und natürlich auch Gott – das hören und anerkennen.

Die Klagen sind der notwendige Weg zum Trost in einer völlig trostlosen Situation. Sie bewahren die Treue gegenüber der eigenen Erfahrung sinnlosen Leidens und halten einen Raum offen, den nur Gott selbst füllen kann. Damit dokumentieren die scharfen Klagen viel mehr Vertrauen als die vielen vermeintlichen Lösungen des Theodizeeproblems, die Gott mit dem sinnlosen Elend in Einklang bringen wollen. In Zeiten der Not und Gefahr sieht man oft klarer als beim freundlich-abgewogenen theologischen Erklären. Die Versuche, Gottes Güte angesichts des Leides zu erklären, erliegen letztendlich der Macht des Faktischen: So wie es ist, muss es schon recht sein, wenn Gott ein guter und allmächtiger Gott ist. Damit wird entweder die Situation sinnlosen und unschuldigen Leidens nicht ernst genommen oder Gott die Möglichkeit bestritten, sich doch noch anders zu erweisen, als er im Leid erfahren wird. Die Klagen setzen dagegen auf die Zukunft, dass es eben nicht so bleiben muss, wie es ist. So gesehen haben Klagen ein revolutionäres Potenzial.

Darum sind die Klagen auch zuerst von denen wiederentdeckt worden, die unter den gegebenen Verhältnissen leiden: In der Theologie der Befreiung und der feministischen Theologie. Für die Opfer ist die Klage ein wichtiger Ausdruck für die eigene Situation. Sie bekommen Würde als gleichwertige Partner im Dialog mit Gott. Die Klage bewahrt sie vor eigenen Schuldzuweisungen. Oft werden Opfer zu TäterInnen gemacht – und nehmen diese Rollenzuweisung auch an; bei Vergewaltigungs- oder Missbrauchsopfern ist das oft beschrieben worden. In der Klage weisen die Opfer solche Stigmatisierungen selbstbewusst von sich. Klagegottesdienste können daher hilfreiche Angebote der Kirche für traumatisierte Menschen sein.

Aber auch in normalen Gottesdiensten könnte Platz für Klagen sein – für die normalen Gründe zum Klagen, wie sie die einsame alte Frau hat oder die Mutter, die ihren Sohn vor der Zeit verloren hat. Um Klagegebete zu formulieren kann man von den Dichtern lernen - und natürlich von der eigenen Tradition. Allerdings finden sich von den insgesamt 16 anklagenden Psalmen 6, 9/10, 13, 22, 35, 42/43, 44, 60, 74, 77, 79, 80, 85, 88, 89 und 102 im Evangelischen wie im Katholischen Gesangbuch nur jeweils fünf! Offensichtlich will man dem Kirchenvolk nicht alles zumuten. Vielleicht auch ein Grund, warum viele Menschen sich mit ihren Erfahrungen in der Kirche allein gelassen fühlen. Denn die meisten Menschen haben manchmal oder öfter Grund zum Klagen.

http://www.christoph-fleischmann.de/pages/de/archiv_zum_lesen/gott_und_mensch/654.htm
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Verfasst am: So Nov 22, 2009 2:47 pm



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