Einloggen, um private Nachrichten zu lesen 
Benutzername: Passwort:   
  Christliche-Teestube (Forum.)
  Hier sind verschiedene aktuelle Themen.
Index  FAQ  Suchen  Mitgliederliste  Benutzergruppen  Profil  Registrieren

     Intro     Portal     Index     
Umsetzung: Eine Kirche verlässt ihr Dorf
Gehe zu:  
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Christliche-Teestube (Forum.) Foren-Übersicht » Aktuelle Tagesgeschehen
Autor Nachricht
Golf_Variant



Offline

Anmeldedatum: 03.07.2006
Beiträge: 4211
Wohnort: Niedersachsen.
BeitragVerfasst am: Di Okt 23, 2007 4:17 am Antworten mit Zitat

Wenn der Ort Heuersdorf der Braunkohle weicht, soll wenigstens das Kirchlein erhalten bleiben. Mit einem aufwendigen Verfahren wird der Bau in einem Stück versetzt. Ein neuer Standort für die Kirche ist allerdings nicht so einfach zu finden.
zurück weiter

Die Heuersdorfer Emmauskirche wird umgesetzt. Der neue Standort: Borna.
Wenigstens den Vögeln ist das alles egal. Sie geben wie in jedem lauschigen Herbsttag ihr Konzert in den Bäumen von Heuersdorf, am Himmel türmen sich Wolken, die Sonne scheint, das Laub macht sich lose. Und die Emmauskirche dürfte im nächsten Frühjahr noch mehr vom Putz gelassen haben, je nachdem, wie streng der Winter ausfällt. Doch das Kirchlein hat jetzt schon auffallend viel Putz verloren und sämtliche Dachziegel dazu, der Dachstuhl steckt unter einer dunklen Plane, die wie eine Pelerine leuchtet. Es ist ein Reisekleid. Wenn die Vögel wiederkehren, werden sie die Kirche nicht mehr finden. Denn sie zieht fort. Bauingenieur Frank Preußler steht in der Kirche jetzt ungefähr da, wo der Pfarrer sonntags den Segen spendete, und sagt: „Wenn Sie so wollen, wird ein übergroßer Fußabtreter unter die Kirche eingezogen.“ Dieser Boden sei so stabil, dass der steinerne Altartisch beim Transport ebenso in der Kirche bleiben könne wie die Aufbauten des darüber stehenden Kanzelaltars, nur die bemalten Verblendungen sind entfernt. Die hölzerne Säule, die die Holzdecke stützt, wird genauso auf große Fahrt gehen wie die Emporen, selbst die zwei Glocken bleiben im Turm. Nur die Orgel wurde ausgebaut.
Ein "Fußabtreter" aus Stahl und Beton
Der 38-jährige Preußler ist für die „Transportertüchtigung“ verantwortlich, und so ließ er die Kirche Stück für Stück mit dem „Fußabtreter“ aus Stahl und Beton unterfüttern, damit die mit 750 Jahren vermutlich älteste Wehrkirche Sachsens angehoben und fortgeschafft werden kann wie eine Torte. Oder wie ein Kartenhaus.

Denn der Tag hatte mit Hiobsbotschaften begonnen. Im Besprechungsraum der Mibrag, der Mitteldeutschen Braunkohlen-Weiterführende links
Bilderstrecke: Eine Kirche zieht um Abbau Ost Gesellschaft, gleich neben dem Dorf wurden am Morgen die Gesichter der Damen und Herren von der Mibrag lang und länger. Das Missbehagen gipfelte schließlich in einer Selbstanklage: Von sehr hohem Optimismus sei man nun auf den Boden der Tatsachen zurückgekehrt, gestand Regina Meßinger, Projektleiterin für die Umsetzung der Kirche.

Der Boden der Tatsachen ist mit Unwägbarkeiten so übersät wie der Kirchenboden mit Bohrgerät, Fettpressen, Kästen und Kabeln. Nach der Bauwerksdiagnostik habe sich herausgestellt, dass das Bruchsteinmauerwerk weitaus bröckliger sei als angenommen. Daher habe man die Kirche vor Tagen mit 1800 Bohrungen durchlöchert, um 30 Kubikmeter Spezialmörtel zu injizieren.
"Es wird selbstverständlich Risse geben"
Außerdem wurde klar, dass die Giebel nahezu unverbunden mit den Seitenwänden stehen, daher müsse als zusätzliche Klammer der Dachstuhl auf der Kirche bleiben. Zu allem Überfluss dürfen die Brücken über die Pleiße und die Wyhra doch nicht befahren werden. Man müsse die Flüsse verrohren und mit Schotter aufschütten, um sie zu überqueren. Es ist also ein heikler Job, die gut 800 Tonnen schwere Kirche zu versetzen. Und ob sie wie geplant zum Reformationstag am 31. Oktober wie ein Präsent in die zwölf Kilometer entfernte Stadt Borna einziehen wird, bleibt höchst fraglich. Nur eines ist klar: Die Kosten von ursprünglich zwei Millionen Euro, die sämtlich die Mibrag übernimmt, werden auf drei Millionen klettern. Viele Augen schauen derzeit auf die Braunkohlengesellschaft, und nicht alle Blicke sind freundlich. Ist es doch das Unternehmen, das seinen Nutzen daraus zieht, dass das im 12. Jahrhundert gegründete Heuersdorf mit seinen über 40 Kulturdenkmalen per Gesetz und obersten sächsischen Gerichtsbeschluss dem Untergang anheimfällt. Das Hochheben des 14 Meter langen und neun Meter breiten Kirchleins auf einen fahrbaren Untersatz werde mit hydraulischen Kletterpressen geschehen, erklärt Bauingenieur Frank Preußler nun, der ohne Helm, dafür im dunklen Anzug und getönter Brille, noch immer in der Mitte der Kirche steht, als hätte er Gefallen daran gefunden. Der 38-Jährige versprüht inzwischen Optimismus, dass doch alles gut oder so gut wie nur möglich enden wird. „Es wird selbstverständlich Risse geben, aber die Kirche wird nicht zerfallen.“ Es klingt wie ein Versprechen, doch auch ein bisschen wie ein „Fürchte dich nicht!“.
Der heilige Sebastian auf einem Trümmerfeld
Wenn man die Kirche so hundertfach durchbohrt aus einigen Metern Abstand betrachtet, wirkt sie wie der heilige Sebastian auf einem Trümmerfeld. Die Bäume sind gefällt, die Sträucher ausgerissen, das Grün zerfahren. Von dem dreieckigen Platz aus wuchs einst das Gassendorf. Sächsischen Landesgeschichtlern gilt die Dorfanlage mit ihren schmalen Flurstücken als Musterbeispiel für die deutsche Kolonisation im 12. Jahrhundert. Seit dieser Zeit war das Bornaer Land von Landwirtschaft geprägt. Zwar wurde hier schon um 1800 nach „Erdkohle“ gegraben, doch erst mit dem Siegeszug des Briketts, der Verstromung und dem Aufstieg der chemischen Industrie begann sich die Landschaft grundlegend zu verändern. 1897 ging der erste Großtagebau in Betrieb, inzwischen sind über 600 Quadratkilometer aufgerissen, ausgekohlt und zu weiten Teilen wieder verkippt. Der mächtigste Tagebau heißt heute „Vereinigtes Schleenhain“ und kratzt schon fast am Kirchlein. Die gut zehn Kilometer breite Grube hinter der Böschung ist eher zu ahnen, als zu sehen. Umso deutlicher prangen am Horizont die Umrisse des Kraftwerks Lippendorf, das vor sieben Jahren in Betrieb ging und seitdem zehn Millionen Tonnen Braukohle pro Jahr verbrennt. Und so wird auch Heuersdorf versinken, unter dem 50 Millionen Tonnen Kohle liegen. Das Kraftwerk dampft so königlich aus den beiden Kühltürmen, als ob es dem ganzen Himmel Wolkenberge spendieren wolle. „Wirkungsgrad 43 Prozent, Weltspitze“, ruft da eine Mitarbeiterin der Mibrag-Pressestelle. Und mit Blick zur Kirche sagt sie milde, ihre Rettung sei doch auch ein Symbol der Versöhnung.
Eine Kirche ohne Dorf
Eine Kirche auf Reisen zu schicken ist die eine Sache. Eine andere ist ihr Ziel. Wenn man Thomas Krieger eine Weile zuhört, bekommt man den Eindruck, dass er mit der Emmauskirche geradezu hausieren gegangen sei. Alle Gemeinden in der Nachbarschaft haben auf ihre Kirche gezeigt. Soll man sich eine zweite ins Dorf holen, wenn schon eine kaum zu erhalten ist? Thomas Krieger sitzt in seinem Amtszimmer und erzählt das mit einigem Verständnis. Krieger ist Pfarrer von Heuersdorf und sechs anderen Dörfern und wohnt im benachbarten Lobstädt. Zuerst hatte der 55-Jährige sein Credo formuliert: „Der Ort, wo sie jetzt steht, ist der beste.“ Doch dann hat er sich den Tatsachen zugewandt. Die Umsetzung der Kirche sei im „Heuersdorf-Vertrag“ angeregt worden, in dem der Freistaat Sachsen, die Mibrag und auch die Gemeinde Heuersdorf die Modalitäten der „bergbaubedingten Umsiedlung“ geklärt haben. Allerdings hat die Gemeinde den Vertrag nie unterschrieben. Als nach dem Urteil des sächsischen Verfassungsgerichts 2005 klar war, dass das Dorf verloren ist, ging der Kirchenvorstand auf die Mibrag zu, um wenigstens eine Kirche zu retten. Denn Heuersdorf ist mit zweien gesegnet. In den 30er-Jahren wurde das Dorf Großhermsdorf eingemeindet. Die Taborkirche aus dem 19. Jahrhundert wird abgerissen. Die Mibrag hätte auch diese fortgeschafft. Aber wohin, wenn schon die eine keiner wollte?
"Nicht der ideale Standort, aber der bestmögliche“
Der zweitbeste Ort für die Kirche wäre natürlich ein Neu-Heuersdorf. Doch das wird es nicht geben. Die Mibrag und die Dorfbewohner weisen sich gegenseitig die Schuld zu. Tatsache ist, dass es drei Siedlungen gibt, in die viele Heuersdorfer schon umgezogen sind. Die restlichen werden folgen. Jede der Gemeinden hat bei der Kirche abgewinkt. Was nun? Die einen, darunter das Regierungspräsidium Leipzig, wollten die Kirche weithin sichtbar an einen der Tagebauseen platzieren – als eine Art evangelischer Wallfahrtsort und Mahnmal für die vielen Dorfkirchen, die wegen der Kohle abgerissen wurden. Andere, darunter Thomas Krieger, wollten sie als Autobahnkirche erhalten. Das eine hätte vielleicht zu sehr an Neuschwanstein erinnert, gibt Krieger zu bedenken, beim anderen fehlt schlicht noch die Autobahn. Da winkte der „letzte Strohhalm“ – die Große Kreisstadt Borna, die Hauptstadt der Braunkohle, der Martin-Luther-Platz mit Superintendentur und Stadtkirche. Neben der mächtigen St.-Marien-Kirche dürfte Emmaus wie eine Puppenstube wirken, aber es gibt geistliches Leben, und die Kirche könne außerdem als „Ort der Versöhnung“ an die über 60 Orte und Ortsteile erinnern, die in der Region abgebaggert wurden, so wie es der Kirchenvorstand gewünscht hat. „Nicht der ideale Standort, aber der bestmögliche“, sagt Krieger schließlich mit einem Schuss Bitterkeit.
Juristisch könne alles noch einmal geprüft werden
Denn umgehend protestierten Denkmalschützer. Sie bezeichneten den neuen Ort als unhistorisch, brandmarkten die Versetzung als baugeschichtliche Unwahrheit und beklagten die unzureichende Diskussion. Sie hieben auf die sächsische Landeskirche ein, die Kirchenumzug samt Zielort abgesegnet hatte, und trafen doch auch Thomas Krieger, gerade so, als hätte er den Heiland verraten. Dabei hat der seinen Heuersdorfern – immerhin die Hälfte Christen – in den Jahren des Widerstandes den Rücken gestärkt. Was hat er ihnen nicht alles gepredigt, dass sie sich anständig schlagen sollten, dass sie das Dorf erhobenen Hauptes verlassen sollten, wenn es nicht zu ändern ist. Und ist es nicht ein Sieg, dass die Kirche überlebt, wenn auch an einem strittigen Ort? Als Landpfarrer hat Krieger schon ein Dorf an die Braunkohle verloren, mitsamt Kirche. Wenigstens das bleibt Heuerdorf erspart. Das stille Pfarrhaus von Lobstädt scheint wie geschaffen, um sich vom Zwist zu erholen. Wie zum Beweis kam das Töchterchen vor einer Weile auf Kriegers Schoß gekrabbelt und schlummert fest. Klingt es nicht schon nach Historie, was Krieger alles berichtet? Da kommt ein Mann herein, stellt sich vor dem Pfarrer auf und eifert: Es sei ja noch nicht alles verloren mit Heuersdorf! Juristisch könne alles noch einmal geprüft werden ... Der Eindringling ist fest entschlossen, das Dorf zu retten. Krieger bittet, später wiederzukommen. Nachhutgefechte.
"Die Bürger sind nervlich am Ende“
In Heuersdorf ist es Abend geworden. Hinten im Winkel wohnt Horst Bruchmann in einem weitläufigen Dreiseitenhof. Bruchmann ist der Bürgermeister über derzeit noch 60 Einwohner. Der Rentner lässt sich in das Stubensofa fallen. Die
Schlagworte
Emmauskirche Kirche Heuersdorf Braunkohle Bergbau Umsetzung Ungewissheit, der Widerstand und letztlich die Ohnmacht – all das hat mürbe gemacht, auch den Bürgermeister, der mit seinen 66 Jahren eigentlich noch sehr stämmig wirkt. „Die Bürger sind nervlich am Ende“, sagt er ohne Umschweife. Vertreibung per Gesetz sei diese Umsiedlung. Er selbst plane, mit seiner Frau 20 Kilometer von hier ein Haus im Bungalowstil zu bauen. Wenn sie schon umziehen, dann wenigstens keine Treppen mehr. Wann genau er geht, stehe in den Sternen. Nur so viel, spätestens am 31. Dezember 2008 muss sich der letzte Heuersdorfer von Haus und Hof verabschiedet haben. Horst Bruchmann hat in all den Jahren mit der Braunkohle gelebt – erst im Guten, dann im Schlechten. 32 Jahre hat er als Elektroingenieur im Braunkohlen-Kombinat gearbeitet, 1987 hat er hingeschmissen. Losgeworden ist er sie nicht. 15 Jahre ist er hier nun Ortsvorsteher, wiedergewählt mit 100 Prozent, erzählt er stolz und führt hinaus ins Dunkel. Heuersdorf werde für die Letzten mehr und mehr zum unwirtlichen Ort. Täglich werden Häuser eingerissen, Bäume gefällt. Inzwischen werde nachts gestohlen. Auf dem Hof patrouilliert ein stattlicher Hund, als könnte solch ein Kumpan das alte Zutrauen zurückbringen. Wenn das Kirchlein mit viel Tamtam aus dem Dorf weggebracht wird wie ein schrumpliges, doch treues Herz, ist das für den Bürgermeister eine letzte Zäsur. Danach ist er Vorsteher über einen Haufen Stein.

Eine Kirche verlässt ihr Dorf
Wenn der Ort Heuersdorf der Braunkohle weicht, soll wenigstens das Kirchlein erhalten bleiben. Mit einem aufwendigen Verfahren wird der Bau in einem Stück versetzt. Ein neuer Standort für die Kirche ist allerdings nicht so einfach zu finden.

Eine Kirche verlässt ihr Dorf
Wenn der Ort Heuersdorf der Braunkohle weicht, soll wenigstens das Kirchlein erhalten bleiben. Mit einem aufwendigen Verfahren wird der Bau in einem Stück versetzt. Ein neuer Standort für die Kirche ist allerdings nicht so einfach zu finden.

Quelle. Welt-Online
_________________
Jesus sagt. Ich bin der WEG, die WAHRHEIT und das LEBEN, niemand kommt zum Vater (Gott) denn durch mich.
Johannes 14,6.
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden E-Mail senden Website dieses Benutzers besuchen
Forenking





Verfasst am: Di Okt 23, 2007 4:17 am



Beiträge der letzten Zeit anzeigen:   
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Christliche-Teestube (Forum.) Foren-Übersicht » Aktuelle Tagesgeschehen


 
Du kannst keine Beiträge in dieses Forum schreiben.
Du kannst auf Beiträge in diesem Forum nicht antworten.
Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht bearbeiten.
Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du kannst an Umfragen in diesem Forum nicht mitmachen.

phpBB skin developed by: John Olson
Impressum des Forums | Datenschutz | Kostenloses Homepage Forum von Forenking.com | Powered by © phpBB Group