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»Klassenzimmer ohne Gott«: Das Buch über Christen im DDR-Sc
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Golf_Variant



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Anmeldedatum: 03.07.2006
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BeitragVerfasst am: Sa Dez 01, 2007 10:14 pm Antworten mit Zitat

»Klassenzimmer ohne Gott«: Das Buch über Christen im DDR-Schulsystem

(PRO) - Welchen Repressalien waren christliche Schüler, Lehrer und Eltern in der ehemaligen DDR ausgesetzt? Und wie gingen die Christen mit der anti-kirchlichen Politik des Regimes um? Diesen Fragen ist die Politikwissenschaftlerin Kirstin Wappler in ihrer Dissertation "Klassenzimmer ohne Gott" nachgegangen, die nun als Buch erschienen ist. Nach Meinung der Autorin ist das SED-Regime für einen "religiösen Supergau" verantwortlich, der mit sich brachte, dass es heute wenig Christen in den neuen Bundesländern gibt.

Wappler, die 1973 in Gera geboren wurde, legte mit "Klassenzimmer ohne Gott - Schulen im katholischen Eichsfeld und protestantischen Erzgebirge unter SED-Herrschaft" die gekürzte Fassung ihrer Dissertation auf dem Gebiet der Politikwissenschaft vor. Die Promotionsschrift wurde von Eckhard Jesse von der Technischen Universität Chemnitz betreut und im Sommer 2006 von der Philosophischen Fakultät der TU Chemnitz angenommen. Sie fragt darin: Wie gingen christliche Lehrer, Schüler und deren Eltern in den untersuchten Gebieten mit den politischen Zumutungen um? Wie gelang es ihnen, den Einfluss der SED im Erziehungsbereich zu begrenzen? Welche Möglichkeiten bestanden im Schulalltag, den politischen Zumutungen zu begegnen? Welche Faktoren wirkten rückhaltstiftend? Welche Umgangsweisen duldete die SED, welche sanktionierte sie? Da Kinder und Jugendliche die wichtigste Zielgruppe der Politisierung waren, diese aber noch stark unter kirchlichem Einfluss standen, bildeten die Schulen die vorderste Front im Kampf gegen die Kirchen, schreibt Wappler.

Sie befragte 56 Zeitzeugen und sichtete die Literatur zum Thema. Wie schon der Pädagoge und Historiker Heinz-Elmar Tenorth feststellte, sei das DDR-Bildungswesen aus heutiger Sicht zunehmend "in ein neues und eigentümliches, nicht selten nostalgisch verklärtes Licht gerückt, als habe es den Zugriff des Staates so wenig gegeben wie die manifeste Indoktrination, als sei die politisch gesteuerte Selektion der Schüler und die neue Form schulisch erzeugter Ungleichheit eine Erfindung böswilliger Außenbeobachter". Wappler fügt hinzu: "In Anbetracht einer spätestens seit der ersten PISA-Studie als unbefriedigend wahrgenommenen Bildungssituation einerseits und einer den Alltag im SED-Staat weichzeichnenden medialen Ostalgie-Welle andererseits fühlt sich nicht nur mancher ehemals in das SED-Erziehungswesen Involvierte in seiner Auffassung bestätigt, dasselbe sei 'gar nicht schlecht' gewesen – vor allem habe noch Disziplin geherrscht und kein so drastisches Gefälle im Bildungsniveau bestanden." Ihr Buch will dazu beitragen, diesem falschen Eindruck entgegenzuwirken.

Es sei wichtig, daran zu erinnern, dass die SED-Machthaber Schüler "systematisch in ihrem Bildungsweg behinderten, die nicht an der Jugendweihe teilnahmen oder sich für die Bausoldaten entschieden ", so Wappner. Christliche Lehrer seien wegen ihres Bekenntnisses unter Druck gesetzt und in vielen Fällen aus dem Schuldienst entlassen worden. Der im DDR-Alltag gebräuchliche Begriff "Erziehungssystem" anstelle des in freiheitlichen Ordnungen geläufigen Ausdrucks "Bildungssystem" charakterisiere dabei den Anspruch der SED, "die heranwachsende Generation umfassend zu formen. Hierzu reichte der schulische Einfluss allein nicht aus, weshalb auch außerunterrichtliche, nichtschulische Erziehungsprozesse unter Kontrolle gebracht bzw. unter SED-Führung neu geschaffen werden mussten." Dabei habe das Politische stets Vorrang vor dem Pädagogischen gehabt, stellt Wappler fest.

Häufig Lehrer-Entlassungen bei Protestanten

"Die SED-Führung in der DDR hat ihren politischen Führungsanspruch für ausnahmslos alle Bereiche der Gesellschaft formuliert und weitestgehend durchgesetzt", schreiben die Herausgeber des Buches. "Damit wurden wichtige gesellschaftliche Kräfte, die nicht bereit waren, diesem Anspruch nachzukommen, zurückgedrängt. Die totalitäre Durchdringung gelang der SED in vielen Lebensbereichen und Milieus, mal mehr, mal weniger, mal zielgerichtet, mal willkürlich."

Das Vorgehen der SED gegen Christen in der Schule zeitigte letztlich einen "enormen Erfolg", erklärt Wappler. "Während die in der Diaspora lebenden Katholiken versuchten, im System zu 'überwintern', verlor die evangelische Kirche in der Zeit der SED-Diktatur fast sechzig Prozent ihrer Mitglieder. Die Wissenschaftlerin verglich insbesondere die Auswirkungen der SED-Repressalien auf Katholiken und Protestanten anhand des Obereichsfelds, des größten geschlossenen katholischen Gebiets der DDR, und des Erzgebirges als protestantische Hochburg.

Wappler: "Die Kirchen – aufgrund ihrer Mitgliederstärke besonders die protestantische Volkskirche – stellten für die SED das größte Hindernis bei der geplanten Überstülpung ihrer Ideologie dar. (...) Während die katholische Kirche gegenüber der SED-Diktatur grundsätzlich eine Verweigerungshaltung an den Tag legte und sich auf das ihr eigene Terrain, die Glaubensverkündigung im engeren Sinne beschränkte, suchte die protestantische Kirche stets den Dialog mit den Machthabern." Das protestantisch geprägte Erzgebirge wurde von Lehrerentlassungen und Relegierungen heimgesucht, das katholisch geprägte Eichsfeld blieb davon jedoch weitgehend verschont. Das "recht stabile katholische Milieu" zwischen Harz und Werra stemmte sich oftmals gegen die Indoktrination des Staates, Wappler. "Angesichts der katholischen Mehrheitsverhältnisse wagte die politische Führung hier nicht, dem Lehrer einen Kirchenbesuch zu verbieten." Bei einem Anteil von etwa fünf Prozent an der Gesamtbevölkerung sei die katholische Klientel für die SED ohnehin eher nachrangig zu behandeln gewesen, so die Politologin.

Im protestantischen Erzgebirge am Nordwestrand des Böhmischen Beckens, über dessen Kamm heute die deutsch-tschechische Grenze verläuft, hatte es die SED laut Wappler weitaus einfacher. "Nur wenige christliche Lehrer bestärkten Schüler in ihrem Glauben. So konnten die Machthaber des SED-Regimes im Erzgebirge von Beginn an auf einen Stamm systemtreuer Lehrer setzen. Aufgabe der Neulehrer war es, 'neue Menschen' heranzuziehen. Lehrer, die sich dem widersetzten, wurden rigoros aussortiert. In der Folge lehrten bereits in den sechziger Jahren nur noch wenige Pädagogen mit christlicher Prägung." Wappler entdeckte, dass evangelische Lehrer in den stärker repressiven Fünfzigern zunächst eher bereit waren, den Gottesdienstbesuch zu wagen; in den von Aufweichungstendenzen gekennzeichneten achtziger Jahren indes war die Bereitschaft dazu geringer. Dies erklärt die Autorin mit der verinnerlichten Furcht, die sich mittlerweile verselbständigt habe.

Auch wenn es dem SED-Staat nach Ansicht Wapplers während seiner gesamten Existenz nie vollständig und gegen Ende immer weniger gelungen war, seine Jugend für den realexistierenden Sozialismus zu begeistern, so verfehlte "das Negieren und Verschweigen alles Religiösen" doch nicht seine Wirkung. Mit Ausnahme der von ihr untersuchten Gebiete habe die SED-Politik langfristig einen "religiösen Supergau" ausgelost. Heutzutage bildeten Christen in der ehemaligen DDR eine Minderheit, was auf die "geplante Entkirchlichung" zurückzuführen sei.

Mitmenschlichkeit auch unter einer Diktatur

Doch Wappler begegneten auch viele Zeichen des Mutes angesichts eines kirchenfeindlichen Regimes. Immer habe es auch Lehrer gegeben - auch kirchenferne -, die sich engagiert für benachteiligte christliche Schüler eingesetzt hätten. "Mitmenschlichkeit erhält sich eben auch unter den Bedingungen einer Diktatur", so Wappler.

Die Herausgeber schreiben über das Werk: "Kirstin Wapplers Untersuchung ist deswegen besonders lesenswert, weil sie zeigt, wie wichtig es ist, Bildung und Erziehung ernst zu nehmen. Ihr Buch ist ein Plädoyer gegen die 'anerzogene Dummheit' (Alexander Mitscherlich), für das Eintreten von Werten, das Einnehmen von Haltungen und die Verteidigung von Freiheit. Der Autorin gelingt in der Retrospektive immer auch ein Blick in die Zukunft, so dass nicht nur Lehrer, Eltern oder Schüler dieses Buch lesen sollten, sondern jeder, der die Werte und Positionen einer Demokratie schützen und Lehren aus der Geschichte ziehen will."

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