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Zwischen Gottvergessenheit und Gotteswahn?
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Golf_Variant



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Anmeldedatum: 03.07.2006
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BeitragVerfasst am: Do Jan 24, 2008 3:11 pm Antworten mit Zitat

Ein Literaturbericht zum aktuellen Thema eines scheinbar neuen Atheismus. Von Pfarrer Stefan Hartmann / „Die Neue Ordnung“.

Bamberg (www.kath.net / Angeblich gibt es einen aus Amerika herüberschwappenden neuen missionarischen Atheismus. Medien berichten über dieses Phänomen, das so alt ist wie die sich immer wieder von ihrem Gott und Schöpfer lossagende und „emanzipierende“ Menschheit.

Religions- und Gotteskritiker des 19. und 20. Jahrhunderts hatten bei all ihren Verzeichnungen aber, wenn es nicht eine Art antiklerikaler Vulgär-Aufklärung war, immerhin ein gewisses Niveau und einen geistig ernst zu nehmenden Anspruch. Die tragische Geschichte dieses „Humanismus ohne Gott“ vom Positivisten Comte über Feuerbach bis Nietzsche hat Henri de Lubac geschrieben. (1)

Der Religionsphilosoph Erich Przywara betonte in Würdigung neuzeitlichen Denkens immer wieder, dass Gott nicht ein neutrales Gegenüber, nicht ein Objekt oder ein „Anderer“ wäre, sondern paradox und dialektisch sowohl in, als auch über der Welt und dem Menschen zu denken ist.

Es kam aber in der Neuzeit zu einem zunehmenden Schwinden des Gottesbewusstseins in den meisten europäischen Völkern – mit Polen, der Heimat des Papstes Johannes Paul II., als großer Ausnahme. Denker wie Romano Guardini konnten zwar bis in die frühen 1960er-Jahre noch selbstverständlich und auf ästhetisch hohem Niveau von Gott reden und schreiben, fanden aber außerhalb von Anhängerkreisen kaum noch Gehör.

So haben sich Christen dann auch selbst andere und scheinbar erträglichere Themen gegeben. Noch während des Zweiten Vatikanischen Konzils verfasste daher der an diesem kirchengeschichtlichen Ereignis unbeteiligte Schweizer Theologe Hans Urs von Balthasar für die leider bald eingestellte Zeitschrift „Hochland“ den eindringlichen Aufsatz „Die Gottvergessenheit und die Christen“ (2) und warnt, es in Liturgie, Bibelverständnis und Ökumene bei bloß formalen, die lebendige Gottesfrage ausklammernden Änderungen und „Reformen“ zu belassen.

Der Anstoß blieb nicht ungehört und rief nun indirekt auch den die Gnosis berührenden marxistischen Hoffnungsphilosophen Ernst Bloch auf den Plan mit seinem Opus „Atheismus im Christentum“ (3). Balthasar stimmte sogar einmal Bloch darin zu, dass in gewissem Sinn nicht Nietzsche oder Marx, sondern Christus selbst in seinen „Ich-bin-Worten“ der Titel des „ersten Atheisten“ zukommt.

Dorothee Sölle will zur gleichen Zeit „atheistisch an Gott glauben“ und in Holland formiert sich eine „Gott ist tot-Theologie“. Der Tscheche Milan Machovec konnte das Buch „Jesus für Atheisten“ (4) schreiben und damit einen echten Dialogbeitrag leisten. Im nachkonziliaren Frühling der Theologie erschien 1969 der von Hans Jürgen Schultz herausgegebene Sammelband einer Rundfunkreihe des Süddeutschen Rundfunks unter dem Titel „Wer ist das eigentlich – Gott?“.

Er enthielt Beiträge namhafter meist katholischer Theologen und wurde 1973 als Suhrkamp Taschenbuch neu aufgelegt. So bietet darin Karl Rahner eine tiefschürfende „Meditation über das Wort ‚Gott’“, Joseph Ratzinger steuerte seine ersten und immer noch aktuellen Überlegungen zum Thema „Schöpfungsglaube und Evolutionstheorie“ bei und Johann Baptist Metz, der in den 1990er-Jahren von der „Gotteskrise“ reden wird, nennt seinen Beitrag „Der zukünftige Mensch und der kommende Gott“.

Das Sammelwerk war eine lichte Ausnahme, denn nach 1968 haben sich dann wie angedeutet andere Fragen in den Vordergrund gedrängt: ein weitgehender moraltheologischer Dissens in Verbindung mit der Enzyklika „Humanae Vitae“, der Streit um die Befreiungstheologie oder um innerkirchliche Strukturfragen wie päpstliche Unfehlbarkeit, Amtszugänge und Partizipation der Laien.

Es hat dann nicht wenig erstaunt, als im Millenniumsjahr 2000 Karl Kardinal Lehmann, der Schüler und ehemalige Assistent Rahners (des Theologen der so genannten anthropologische Wende), ausdrücklich auf den verborgenen „göttlichen Gott“ verwies und ein Interview-Buch mit dem Zitat von Andrej Sinjawski titelte: „Über den Menschen ist genug geredet worden. Es ist Zeit, an Gott zu denken“.

Es scheint, dass diese Zeit im 21. Jahrhundert – zumal nach dem Geschehen vom 11. September 2001 – nicht mehr eingefordert zu werden braucht, sondern sich von selbst gebieterisch aufdrängt. Papststerben und Papstwahl traten 2005 hinzu und schließlich das enorme Echo auf die Regensburger Vorlesung „Glaube und Vernunft“, die nach anfänglichen Irritationen nun zu einem wirklichen islamisch-christlichen Gespräch zu helfen scheint – wie beispielsweise der erstmals zu Weihnachtsgrüßen führende Briefwechsel von 138 islamischen Würdenträgern und Gelehrten mit christlichen Vertretern bis hin zum Papst.

Erstaunliches hört man seit 2001 (Friedenspreisrede in der Paulskirche über „Glauben und Wissen“) auch von Jürgen Habermas, trotz seines Widerspruchs gegenüber seinem nunmehr päpstlichen Dialogpartner. (5) In seinem 2007 erschienenen Buch „Jesus von Nazareth“ geht es nach Joseph Ratzinger / Benedikt XVI. zentral um die Frage: „Was hat Jesus denn eigentlich gebracht, wenn er nicht den Weltfrieden, nicht den Wohlstand für alle, nicht die bessere Welt gebracht hat? Was hat er gebracht? Die Antwort lautet ganz einfach: Gott. Er hat Gott gebracht [...] Nun kennen wir sein Antlitz, nun können wir ihn anrufen.“ (6)

Die Antwort erstaunt in ihrer Einfachheit und enthält die Kraft in sich, alle aktuellen Problematisierungen der Frage nach Gott, nach seinem Wesen, seiner Existenz und seiner geschichtlichen Wirkung, zu entkrampfen und einer ruhigen Lösung entgegenzuführen – dem, was Martin Heidegger „Lichtung“ nannte, was der sich rhetorisch als „Antichrist“ stilisierende Friedrich Nietzsche an einem Mittag im Engadin erfuhr und was ein Paul Klee in Skizzen fasste.

Beide Philosophen und Zeichner eines letztlichen Nihilismus sind nämlich in ihrer klaren und hellen Ästhetik glaubwürdiger als etwa die kunstreligiös sich zu „Göttern“ und autoritären Religionsstiftern aufbauschenden Richard Wagner (Musik), Stefan George (Lyrik) oder auch Max Beckmann (bildende Kunst). Es gibt einen Atheismus und einen Nihilismus, bei dem das Nein nicht das letzte Wort ist, der offen bleibt für die Fülle eines anderen Lichtes in der Gestalt des Jesus von Nazareth.

Es tut daher fast weh, auch angesichts des klaren Angebotes des gegenwärtigen Papstes, der Polemik eines fundamentalistischen Atheismus Aufmerksamkeit zu widmen, wie er vor allem durch das Buch The God Delusion („Der Gotteswahn“) (7) des bekannten Evolutionsbiologen Richard Dawkins verbreitet wird.

Dawkins mag manche Aspekte amerikanischer Sektenmentalitäten treffen, für jeden gebildeten Europäer ist sein Werk aber eine intellektuelle Beleidigung und enthält nicht ein einziges Argument wider die von Pascal vorgeschlagene Wette um Gottes Existenz. Von personaler Philosophie und Anthropologie hat der in einem vulgären Materialismus befangene Biologe nicht den Schimmer einer Ahnung.

In einer J. B. Kerner-Talk-Sendung wurde Dawkins denn auch von einem evangelischen Ratsvorsitzendem und einem Hamburger Weihbischof argumentativ und menschlich in einer schon Mitleid erregenden Art und Weise entzaubert. Der US-amerikanische Katholik Michael Novak zählt ihn – Punkt für Punkt nachgehend und widerlegend – mit einem Sam Harris („Letter to a Christian Nation“) und einem Daniel C. Dennett („Breaking the Spell“) wohlwollend zu den „einsamen Atheisten“ (8).

Die Verkaufszahlen von Dawkins’ Buch sind im deutschen Sprachbereich trotzdem hoch, zumal Religiöses oder Anti-Religiöses, seien es die Pilgerwege eines Fernsehmoderators oder die Bekenntnisse einer ausgetretenen Ordensschwester, zur Zeit Hochkonjunktur hat. Dicht gefolgt wird Dawkins in der Bestsellerliste allerdings von einem flott, humorvoll und gescheit geschriebenen Werk, das gegensegelt, von Manfred Lütz’ kraftvollem Essay „Gott. Ein kleine Geschichte des Größten“ (9).

Hier ist keine Gegenapologetik, sondern wird frisch, fromm, fröhlich und frei von einem belesenen Kölner Arzt und Psychotherapeuten in unideologischem Klartext gefochten und argumentiert. Man kann sich den Autor auch gut als Eulenspiegel in einer Kölner Karnevalsbütt vorstellen.

Dieser unorthodoxe Stil, der schon seine populäre Schrift Lebenslust – über Risiken und Nebenwirkungen des Gesundheitswahns kennzeichnete, findet seine Lesergemeinde und scheint dem Gottesthema, an das sich auch einige „Gottprotze“ (E. Canetti) anhängen, nun wirklich auf zeitgemäße und eben journalistisch befriedigende Weise gerecht zu werden. Interessant wäre es, wie weit und ob Lütz auch amerikanische Kunden finden wird, ob dort manche seiner Anekdoten kölnischen Humors überhaupt begriffen werden.

Zur Exorzisierung der Dawkins-Thesen kann man sich jedenfalls an Lütz halten, der auch das Gottfried-Benn-Wort von der Gottesrede als schlechtem Stilprinzip widerlegt. Wer es allerdings analytischer und diskursiver möchte, sei auf die diversen Aufsätze von Robert Spaemann (10) und zuletzt dessen fulminanten Essay „Der letzte Gottesbeweis“ (11) verwiesen.

Hier schreibt ein christlich-katholischer Philosoph, dem man magistralen Charakter bescheinigen kann und der schon in unzähligen Grundfragen, auch ethischer Art, zu Klärungen beitrug. Bei allen Überlegungen, Erwägungen und Diskussionen zur Gottesfrage sollte aber ein eindringlicher und bekannt gewordener Satz der vom Kommunismus verfolgten Russin und Konvertitin Tatjana Goritschewa nicht vergessen werden: „Von Gott zu reden ist gefährlich“ (12) – daran wären auch „Worte zum Sonntag“ zu messen.

Diese Gefährlichkeit liegt einmal in der Abwehr allen Relativismus und in der fordernden Konkretisierung, wie sie geistig von Sören Kierkegaard, existentiell von zahllosen Märtyrern des Glaubens bezeugt wird. Aber sie liegt auch in der Zuspitzung der Gottesfrage auf das Jesusverständnis.

Hier liegt der über alle exegetischen Spezialfragen herausragende tiefere Sinn des Jesus-Buches von Benedikt XVI.: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ (Mt 16,15). Wir kennen die Antwort des Petrus, die von allen seinen Nachfolgern übernommen wurde: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes“ (16). Nur in Jesus Christus findet daher die Frage nach Gott eine wirklich befriedigende Antwort und eine Lösung, die dem Satz „Gott ist die Liebe“ (1 Joh 4,16) glaubwürdig entspricht.

Dazu bedarf es aber auch des Mutes, sich dem Geheimnis des Menschen offen zu stellen und es nicht materialistisch zu verkürzen. Gottes- und Nächstenliebe bedingen einander genauso wie Eros und Agape. Beides wurde durch Jesus bis zu seinem Tod und seiner Auferstehung als untrennbare Einheit vorgelebt.

Dies hat nun der gegenwärtige Petrusnachfolger überzeugend umschrieben und umdacht. So ist er nicht nur Theologe, sondern in Wahrheit Missionar und Apostel. Mit Spannung darf der zweite Teil seines Buches erwartet werden.

Anmerkungen
(1) Über Gott hinaus. Tragödie des atheistischen Humanismus, Freiburg i. Br. ²1990.
(2) Jetzt in H. U. v. Balthasar, Spiritus Creator. Skizzen III, Freiburg i. Br. ³1999, 280-295.
(3) Frankfurt a. M. 1968.
(4) Gütersloh 1972.
(5) Ein Bewusstsein von dem, was fehlt. Über Glauben und Wissen und den Defätismus der modernen Vernunft, in: K. Wenzel (Hg.), Die Religionen und die Vernunft. Die Debatte um die Regensburger Vorlesung des Papstes, Freiburg i. Br. 2007, 47-56. Vgl. Ch. Böhr, Denken ohne Gott? Zur Antwort von Habermas auf den Papst, in: Die Neue Ordnung 61 (2007), 324-337.
(6) J. Ratzinger/Benedikt XVI., Jesus von Nazareth. Erster Teil: Von der Taufe im Jordan bis zur Verklärung, Freiburg i. Br. 2007, 73.
(7) London 2006 / Berlin 2007.
(8) Einsame Atheisten, in: IKaZ „Communio“ 36 (2007), 617-638. „Leider ist es entsetzlich schwierig, auf dem Niveau von Harris, Dennett und Dawkins zu diskutieren“ (618).
(9) München 2007.
(10) Das unsterbliche Gerücht. Die Frage nach Gott und die Täuschung der Moderne, Stuttgart 2007.
(11) Mit einer Einführung in die großen Gottesbeweise und einem Kommentar zum Gottesbeweis Robert Spaemanns von Rolf Schönberger, München 2007. Spaemann sieht diesen „letzten Gottesbeweis“ (in Anlehnung an Hans Jonas) als sich aus dem Wahrheitsbegriff und der Grammatik (!) ergebend.
(12) Meine Erfahrungen im Osten und im Westen, Freiburg i. Br. 1984. Sechzehnte Auflage 1987.

Vorveröffentlichung eines für die Zeitschrift "Die Neue Ordnung" (Bonn), hg. vom Institut für Gesellschaftswissenschaften Walberberg e.V., verfassten Artikels von Pfarrer Stefan Hartmann, Oberhaid bei Bamberg

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